Fazit II

Mittlerweile sind fast zwei Monate vergangen seitdem ich den Job gewechselt habe. Ich genieße den respektvollen und netten Umgangston, die strukturierte Arbeit und die frühen Feierabende. Zu schaffen macht mir, dass mir dämliche Fehler passieren. Es ist nichts schwerwiegendes, nichts, was den Verlag ruinieren würde – aber meine Fehlerquote war in den letzten Jahren so bei… fast 0 %. Denn ich wusste ja, was ich warum mache. Jetzt weiß ich das immer noch nicht so genau und ich setze mich selber unter Druck, weil ich schon immer die Klassenbeste war und die machen nun mal immer alles richtig. Das führt dazu, dass ich in den letzten zwei bis drei Wochen sehr dünnhäutig geworden bin und wegen Kleinigkeiten regelrecht explodiere. Was wiederum dazu führt, dass sowohl der beste Ehemann der Welt als auch die besten Eltern der Welt sich schon besorgt geäußert haben, ob alles in Ordnung sei. Ich wirke unglücklich, sagen sie.

Ich bin nicht unglücklich, ich bin nur gestresst von mir selbst. Dieser verdammte Anspruch auf Perfektion – er führt dazu, dass ich von Perfektion gerade sehr weit entfernt bin. Ich sollte wieder mit dem Schwimmen anfangen, um den Kopf besser freizukriegen…

Der neue Job

Ich habe nun vier volle Tage im neuen Job hinter mir. Es ist tatsächlich ein komplett anderes Arbeiten, überhaupt nicht vergleichbar mit dem in der Kanzlei. Wunderbar: Bücher, mit denen ich bisher nur gearbeitet habe, an deren Erstellung wirke ich nun mit. Ich organisiere und verwalte, aber alles ohne Zeitdruck.

Ungewohnt: ICH kann entscheiden, wann ich komme UND gehe. Das ist das erste Mal in meinem zwanzigjährigen Berufsleben, dass ich das selbst entscheiden darf und keiner über mich bestimmt. Und da ich auch nur 7,5 Stunden pro Tag arbeiten muss, bin ich so früh aus dem Büro und wieder Zuhause wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Von Routine bin ich noch immer weit entfernt, meine arme Kollegin nerve ich andauernd mit Fragen und komme mir wieder vor wie ein Azubi. Aber irgendwie stehe ich auf diesen Orga-Kram. Grandios: Ich muss mich nicht mehr mit Rechtsprechung und deren Auslegung herumschlagen, nur um dann doch wieder vor Gericht zu verlieren. Oder irgendwelche Kostenberechnungen vom Rechtspfleger überprüfen. Oder den Schuldnern mit Zwangsvollstreckung die Hölle heiß machen, um dann deren Gejammer (oder Beschimpfungen) am Telefon ertragen zu müssen.

Ich schwimme nicht mehr im Haifischbecken einer Großkanzlei, sondern im ruhigen Gewässer eines Familienbetriebes. Es fühlt sich verdammt gut an.